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„Das Sängerfest ist für uns wie eine Religion“

Der Aachener Chor Aix Muusika darf beim traditionsreichen Großereignis in Estlands Hauptstadt Tallinn teilnehmen

Aufmerksam beobachtet Elo Tammsalu ihre Schützlinge. Im Halbkreis vor der Dirigentin haben sich Männer und Frauen – bewaffnet mit einem Liederbuch – hingesetzt und warten auf die genauen Anweisungen der Profi-Musikerin. Das Pfarrheim der Aachener Gemeinde Heilig Kreuz erlebt einen intensiven Probentag. Mehr als 40 Chormitglieder von Aix Muusika haben sich im Dunstkreis der Pontstraße eingefunden, um sich für ein großes Ereignis im Sommer einzusingen. Das Sängerfest in Estlands Hauptstadt Tallinn wirft seine Schatten voraus, und die Mitglieder des Aachener Projektchors fiebern diesem Höhepunkt teilweise schon seit Jahren entgegen.

Überwältigende
Emotionen

„Ich habe das Sängerfest 2014 als Zuschauerin erleben dürfen und war von den Emotionen, die dort in Tallinn geherrscht haben, schier überwältigt. Obwohl ich kein Estnisch verstanden habe, konnte ich die Gefühle der Menschen regelrecht aufsaugen. Mir ist sogar die eine oder andere Träne über die Wange gelaufen“, erklärt Irene Butry. Vor fünf Jahren begleitete sie ihren Mann Friedhelm zum Sängerfest in die Hauptstadt des kleinen baltischen Staats. Schon damals sang der Rentner mit dem Chor Aix Muusika in Estland. „Es ist sehr schwierig, weil man nur Lieder in der estnischen Sprache singt und deshalb die Proben deutlich umfangreicher sind und länger dauern, als es beispielsweise mit deutschen oder englischen Melodien wäre. Und in diesem Jahr habe ich festgestellt, dass es noch anspruchsvoller wird. Es ist eine echte Herausforderung“, verrät er. Friedhelm Butry vergleicht die Vorbereitungen zum Sängerfest mit denen eines Steinmetzes, der aus einem Marmorblock eine Statue erschaffen möchte.

Der „Steinmetz“ ist in diesem Fall eine Frau. Chorleiterin und Dirigentin Elo Tammsalu. Die gebürtige Estin lebt seit zwei Jahrzehnten in Deutschland und versucht die baltische Mentalität in ihre Chorarbeit einfließen zu lassen. „In Estland ist das Singen ein unglaublich großes Kulturgut. So wie es in Deutschland überall kleine und große Fußballvereine gibt, sind in meiner Heimat nahezu überall Chöre vorhanden. Das Sängerfest ist für uns wie eine Religion. Im Grunde liebt jeder Este die Musik.“

Musik schafft
Identität

Um die Bedeutung der Musik in Estland zu verstehen – der Staat ist etwas kleiner als das Bundesland Niedersachsen – muss man sich die Historie der Nation etwas genauer anschauen. Es ist eine einzige Aneinanderreihung von Okkupationen. Im Mittelalter gliederte der Deutsche Orden weite Teile von Livland, dem Vorgänger des heutigen Estlands, in seinen Ordensstaat ein. Es entstanden mächtige Burgen, und der Handel wurde vorangetrieben. Das Gebiet erlebte eine erste wirtschaftliche Blüte. Später stritten sich Dänen, Schweden und Russen um die Gebiete an der Küste der Ostsee. Während des Zweiten Weltkriegs waren es erneut die Deutschen, die Estland besetzten, und im Kalten Krieg war das Land ein Satellitenstaat der Sowjetunion. Zwischendrin feierte man zwar 1918 die offizielle Staatsgründung, doch richtig unabhängig ist man erst seit dem 20. August 1991. Lange Zeit war man auf eigenem Boden nur Spielball der Mächte gewesen. „Während all dieser Jahrhunderte hatten es die Esten schwer, eine eigene Identität zu entwickeln. Im Prinzip waren es nur die alten Runengesänge und einige Volkslieder, die so etwas wie einen Zusammenhalt geschaffen haben. Es ist unsere Form des friedlichen Patriotismus“, erklärt Elo Tammsalu.

Umso bedeutsamer ist für die Mehrheit der rund 1,4 Millionen estnischen Bürgerinnen und Bürger das Sängerfest in Tallinn, das nur alle fünf Jahre im Sommer ausgetragen wird und oft auch als Liederfest bezeichnet wird. Die Veranstaltung ist sogar deutlich älter als der Staat selber. Denn bereits 1869 feierte das Sängerfest seine Premiere. Der damalige Plan, das Nationalbewusstsein der Menschen zu stärken, ging voll auf. Heutzutage ist es aus dem Selbstverständnis der Esten nicht mehr wegzudenken. Die Bühne am Ufer der Ostsee bietet fast 30.000 Sängerinnen und Sängern Platz. Dazu passen rund 100.000 Menschen auf die Zuschauerränge. Für ein kleines Land wie Estland sind das gewaltige Ausmaße. Zwei Tage lang finden die Konzerte statt, die mit einem stundenlangen Umzug von der historischen Altstadt Tallinns zur Festwiese eingeläutet werden und bis in den späten Abend hinein dauern. Es versteht sich von selbst, dass das estnische Fernsehen dieses Event live überträgt. Das ist wohl am ehesten mit einem sportlichen Großereignis zu vergleichen. „Eine Sache begeistert mich besonders an diesem Fest. Hier finden junge und alte Menschen generationenübergreifend zusammen und leben dieses Kulturgut. Es entsteht eine regelrechte Gemeinschaft“, sagt Irene Butry. Apropos leben. Man merkt auch der Chorleiterin an, dass sie mit ganz viel Herzblut bei der Sache ist. Das findet auch Dorothée Söndgen, die im Chor singt: „Elo vermittelt uns authentisch, was es bedeutet, wenn ein Este oder eine Estin diese alten Lieder in der Landessprache singt.“ Für den Aachener Projektchor ist die Teilnahme an dem Großereignis in Tallinn vom 5. bis zum 7. Juli eine besondere Ehre. Denn insgesamt nur 20 Chöre und Musikgruppen aus der ganzen Welt dürfen neben den vielen einheimischen Gruppen am Sängerfest teilnehmen. Zuvor mussten sich die Aachener Sängerinnen und Sänger einem harten Wettbewerb unterziehen und zwei Bewerbungslieder in estnischer Sprache als Video aufnehmen und der Jury in Estland präsentieren. „Ich denke, dass meine estnische Herkunft ein kleines Faustpfand für die Bewerbung war. Denn die Jury legt großen Wert auf Authentizität. Das kann ich als gebürtige Estin natürlich beim Einstudieren der Lieder besser vermitteln, als jemand, der nicht mit diesem Kulturgut groß geworden ist.“

Diesen kleinen „Heimvorteil“ hatten sich Elo Tammsalu und ihre Chormitglieder bereits 2014 zunutze gemacht, als man das erste Mal am Sängerfest teilnahm. Doch ausruhen möchte man sich nicht auf diesen Lorbeeren – im Gegenteil! Mit großem Enthusiasmus und jeder Menge Akribie probt Aix Muusika schon seit Monaten den Auftritt in der alten Hansestadt Tallinn. Satte zwölf estnische Lieder müssen die Männer und Frauen perfekt beherrschen – darunter klassische Volkslieder, aber auch modernere Songs. Und natürlich alles in estnischer Sprache. „Nahezu alle Texte handeln von der Natur, von der Poesie und der Liebe zum Vaterland“, verrät Dorothée Söndgen. Dirigentin Elo Tammsalu nimmt sich viel Zeit und seziert jede einzelne Liedzeile, sodass am Ende ein riesiger stimmiger Klangkörper entsteht. „Das ist nicht einfach, denn hier treffen Menschen aufeinander, die bereits in anderen Chören singen und hier mit unterschiedlichen Vorerfahrungen ankommen. Das funktioniert nur, wenn man neben den gemeinsamen Proben auch zu Hause fleißig alleine übt. Ich gebe die Richtung vor, aber es müssen auch alle mitziehen.“ Immerhin scheinen die Erfahrungen von 2014 nicht alle damaligen Chormitglieder abgeschreckt zu haben. Rund ein Drittel der diesjährigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer sind nämlich „Wiederholungstäter“. „Wir sind sehr ehrgeizig und möchten alles möglichst perfekt machen. Dafür investiert jeder von uns sehr viel Freizeit“, erklärt Chormitglied Almuth Grüner.

Reise durch das Land

Die Reiseplanungen für den Juli dürfen auch dazu beigetragen haben, dass es etliche Chormitglieder ein zweites Mal wagen, nach Estland zu reisen. Denn für die Männer und Frauen soll es nicht nur bei der Teilnahme am Sängerfest bleiben. Im Anschluss an das Ereignis wird auch ein wenig das baltische Land erkundet. Dann kann Elo Tammsalu ihre Heimat zeigen und dem einen oder anderen Neuling auch die estnische Kultur noch anschaulicher vermitteln. Vielleicht gibt es 2024 sogar die dritte Teilnahme für Aix Muusika am Sängerfest in Tallinn.

Konzerte

Zwei Auftritte: Wer sich einen Eindruck von den Vorbereitungen für das Sängerfest machen will, hat am 25. Mai die Möglichkeit, den Chor Aix Muusika um 19 Uhr in der Aachener Citykirche zu sehen. Dort wird ein Sängerfest für das Publikum veranstaltet. Außerdem tritt Aix Muusika am 14. Juni bei der Chorbiennale in Aachen auf. Mehr Informationen gibt es unter www.aixmuusika.de

05.05.2019 / Super Sonntag Aachen / Seite 3